Pressetext. Claus Richter | Nosegay-Press / Foreveryours – deutsch

20. Juni bis 02. August 2009

Federgeistchen, Schwärmer und Nachtpfauenaugen – Namen, die romantische Geschichten verheißen. Wie anders klingt das Wort Motte, weithin mit der schwarzen, staubigen Stiefschwester des Schmetterlings assoziert. Dabei sind die Verhaltensweisen dieser gar nicht zwangsläufig nachtaktiven Insekten tatsächlich bemerkenswert. Die Falter wissen sich auf vielerlei Art vor Feinden zu schützen. Die dunkle Färbung der Vorderflügel der meisten Gattungen sorgt für eine gute Tarnung bei Tag, die häufig schillernden Hinterflügel bleiben zumeist verborgen, ihr Aufblenden und -fächern wehrt jedoch Angreifer ab. Auch vermittels Geräuschen, vermögen sich gewisse Falterarten gegen Angreifer zu behaupten, der Totenkopfschwärmer gibt etwa einen pfeifend-schrillen Ton von sich. Die Verteidigungstaktiken der meisten Falter sind aber in der Regel passiver: werden sie trotz ihrer Tarnfarbung entdeckt und gar berührt, verlegen einige Arten sich auf das schlichte aber effektive Fallenlassen. Im gleichen Atemzug den toten Mann zu spielen, und dabei bestenfalls flugs aus dem Blickwinkel zu verschwinden ist höchst raffiniert. Effektiv ist auch die Technik der Prozessionsspinnerraupen, sich im Gänsemarsch von teils mehr als hundert Tieren fortzubewegen und dabei giftige Häarchen zu verteilen – selbst größere Säugetiere, wie etwa Fuchs oder gar Wildschwein, meiden derart befallene Gebiete.

Der Geruchssinn leitet die Nachtfalter zumeist zuverlässig, ihre Orientierung am Licht gerät ihnen jedoch spätestens seit der Erfindung elektrischer Beleuchtung zum Nachteil: das endlos kreisende Umschwirren der Straßenlaternen bedroht durch Hitze und UV-Strahlung die fragilen Insektenkörper. Positive Phototaxis nennt sich die instinktive Bewegung in Richtung höherer Lichtstärke – der Beweggrund für dieses Verhalten bleibt bislang jedoch ungeklärt. Einer Theorie zufolge behalten die Nachtfalter mittels der Orientierung am Mond einen geraden Flugwinkel bei, durch das viel nähere elektrische Licht wird dieser aber empfindlich gestört: die Bewegung mündet in das, dem Betrachter wohlbekannte, spiralförmige Umfliegen der Objekte aus dem sich die Falter nicht mehr lösen können. Eine andere These vermutet ein optisches Phänomen als Ursache dieses Verhaltens: die nächste Umgebung einer Lichtquelle wirkt für das Auge am Schwärzesten (ein Effekt der “Machscher Streifen” genannt wird), demnach suchten die Falter Schutz im vermeintlich Dunklen, das die Helligkeit umgibt. Beobachtungen lassen aber auch den Schluß zu, dass die Flugbahn der Insekten sich am hellsten Fleck orientiert, um Bäumen und Pflanzen auszuweichen, Licht für sie also eine Lücke bedeutet. Wie trügerisch die Helligkeit des Lichts ist, bleibt den instinktgeleiteten Faltern verborgen, einerlei ob nun Fluchtimpuls oder Attraktion ihr movens ist. Nachtwesen die um künstliche Verheißungen schwirren: die Falter bieten dem Beobachter Raum zur Identifikation. Dass ihr Verhalten rätselhaft bleibt, regt die Phantasie weiter an und führt zurück zur dunklen Poesie des 19. Jahrhunderts.

Friederike Gratz